Therapiebeispiele

Allgemeines

Ein von vornherein festgelegtes Therapieschema, etwa in Form eines starr einzuhaltenden "Stundenplans", kann es in der Tiergestützten Therapie naturgemäß nicht geben. In einer sorgfältigen Anamnese gilt es zunächst einen möglichst umfassenden Überblick über die Symptomatik und die Bedürfnisse jedes einzelnen Patienten zu gewinnen. Dies geschieht gemeinsam mit der Familie bzw. der/den Begleitperson/en. Es folgt die Kennenlernphase, in der die Kinder und Jugendlichen (aber auch die erwachsenen Patienten) in Kontakt mit einer oder mehreren Tierarten gebracht werden. Je nach Art und Umfang der Reaktion des Patienten wird dann entschieden, mit welchen Tieren im Anschluss weitergearbeitet werden kann, um möglichst große Therapieerfolge zu erzielen. Die Therapieziele richten sich nach der jeweiligen, individuellen Ausgangssituation und sind entsprechend breit gefächert.

Mehrfachbehinderungen und autistischen Störungen

Kinder mit Mehrfachbehinderungen oder autistischen Störungen haben oft Probleme bei der Kontaktaufnahme mit ihrer Umwelt bzw. bei der Äußerung ihrer Gefühle und Wünsche. Hier geht es zunächst darum Reize anzubieten, auf die das Kind spontan reagieren kann. Neben dem sensorischen Reiz, der insbesondere vom Fell der Tiere ausgeht, ist es vor allem deren unvoreingenommenes natürliches Verhalten, das viele Kinder aus der Reserve lockt.

Hyperaktivität

Neben diesen basalen Fähigkeiten können aber auch komplexere Verhaltensmuster mit Hilfe der Tiergestützten Therapie eingeübt werden. Hyperaktive Kinder lernen etwa, dass sich ihr eigenes Verhalten auf das der Tiere überträgt. Nur wenn sie selbst ruhig und überlegt vorgehen, wird sich auch der tierische Therapiepartner kooperativ verhalten und Nähe zulassen.

Dies zeigt sich vor allem dann, wenn den Patienten Aufgaben bei der Betreuung und Pflege der Tiere übertragen werden. Immer wieder fällt auf, dass Tiere grundsätzlich einen mäßigenden und beruhigenden Einfluss auf Kinder und Jugendliche haben. Der Umgang mit ihnen erfordert Geduld und klare Regeln für beide Seiten. Nur mit dem richtigen Umgangston und einer gezielten Kraftdosierung wird es gelingen, das Vertrauen des tierischen Therapiepartners - und damit eine Form von Zuneigung - zu gewinnen. Besonders für Kinder und Jugendliche mit psychischen Auffälligkeiten stellt das unmittelbare positive Feedback der Tiere ein intensives Erfolgserlebnis dar, das wiederum auch zu einer Korrektur des eigenen Verhaltens - auch im Umgang mit Menschen - führen kann.

Durch Tiere kann also auf äußerst effektive Weise das Einfühlungsvermögen, die Entwicklung sozialer Kompetenzen sowie ein gewisses Maß an Verantwortungsbewusstsein und Disziplin gefördert werden. Darüber hinaus kann durch Bürsten, Versorgen oder Führen eines Lamas oder Hundes - ebenso wie beispielsweise durch die Gestaltung eines Geheges für Kaninchen oder Meerschweinchen - bei Kindern mit ADS oder ADHS eine Verlängerung der Aufmerksamkeitsspanne erreicht werden.

Bei der Behandlung des ADS oder ADHS ist die Kombination der Tiergestützen Therapie mit der "Sunflowertherapie" ein sehr sinnvolles Gesamtkonzept.

Körperliche und motorische Schwierigkeiten

Patienten mit körperlich-motorischen Problemen trainieren im Umgang mit Tieren unbewusst ihre Koordination und Kraft. Abgesehen von der verbesserten Körperkontrolle stellt sich dabei nicht nur ein Erfolgserlebnis ein, sondern auf lange Sicht auch eine Steigerung des Selbstvertrauens, die sich letztlich auf den Alltag des Patienten positiv auswirkt.
Für die Förderung der sprachlichen Entwicklung sind häufig Hunde das geeignete Medium, da in der Arbeit mit ihnen klare Kommandos bzw. eine klare Aussprache derselben erforderlich sind.
Eine Aktivität, die zahlreiche Therapieziele in sich vereint, ist z.B. der Aufbau und das Absolvieren eines Parcours (Slalom, Steg, Wippe, etc.), der entweder mit einem Hund oder einem Lama durchlaufen wird. Hier werden gleichermaßen Einfühlungsvermögen, planvolles Denken/Handeln, Kreativität, Körperkoordination und -kraft, sowie Geduld und Ausdauer eingeübt, was zu einem deutlichen Zuwachs an Sicherheit und Selbstvertrauen führt. Auch für Kinder und Jugendliche, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, ist es möglich einen solchen Parcours zusammen mit einem Tier zu meistern.

Auch hier empfiehlt sich die Kombination mit der "Sunflowertherapie" um die Problematik vom Grund her anzugehen.

Degenerative Prozesse

Die Tiergestützte Therapie eignet sich auch für Erwachsene mit körperlichen und/oder zerebral bedingten Einschränkungen (z.B. nach einem Schlaganfall) sowie für ältere Menschen, die an degenerativen Einschränkungen wie M. Alzheimer, M. Parkinson oder Altersdemenz leiden.

Bei älteren Personen, bei denen der zerebrale Abbau die bewusste Verarbeitung neuer Informationen erschwert, wirkt der Umgang mit Tieren auf die emotionalen Tiefenschichten. Erinnerungen an frühere Zeiten (mit den dazugehörenden Gefühlen) werden aktiviert; oft bewirkt allein der kurzfristige Rollentausch vom "Versorgtwerden" zum "Versorgen" (z.B. Füttern eines Huhnes, Bürsten eines Hundes, etc.) eine deutliche Aufhellung der Stimmung und des Aktivitätsniveaus. Gelegentlich werden Fähigkeiten, die lange brach lagen, wie z.B. der Gebrauch der Sprache (viele ältere Menschen sind jahrelang nahezu stumm), wieder reaktiviert, weil im Umgang mit Tieren nicht die rational analysierende Sprache eingesetzt wird, sondern eher Gefühle ihren Ausdruck finden - ähnlich wie beim Umgang mit Babys. Die ersten Äußerungen nach langer Zeit sind daher nicht selten Kosenamen.